Doping für das Hirn - die kosmetische Neurologie
6. Mai 2008 | Von admin | Kategorie: AllgemeinHeute habe ich in der Sendung Kulturzeit auf 3Sat einen spannenden Beitrag zum Thema “Gehirndoping” gesehen. In der Sendung ging es um die Verwendung von leistungssteigernden Substanzen in der heutigen Geschäftswelt.
Doping im Sport ist ja bereits allgegenwertig und wird von der Gesellschaft schon fast als unausweichliche Tatsache für die Erbringung von Top-Leistungen hingenommen. Weit weniger Beachtung findet jedoch der Einsatz von Aufputschmitteln im beruflichen Sektor. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft - unser Einkommen ist sehr stark abhängig von der Energie die wir in unserer Aufgaben und Projekte stecken. Wer daher fleißig, motiviert, clever und bereit ist seine Energie jeden Tag aufs neue konsequent abzuschöpfen kann es heutzutage sehr weit bringen.
Laut 3Sat brachte ein Artikel über so genannte Campus-Drogen von Professoren die Diskussion ins Rollen - Doping für das Hirn.
An den US-Amerikanischen Universitäten scheint es mittlerweile für jeden fünften Akademiker ein Grundbaustein seiner Karriereplanung zu sein.
Anjan Chatterjee, Neurologe an der University of Pennsylvania, sagt: “Bei einer ‘Winner’-Situation, damit meine ich, wenn ein kleiner Vorteil genügt, um überproportional belohnt zu werden, steigt der Druck, Hilfsmittel zu nehmen.” In den 1960er Jahren galt der Griff zur Pille noch dem bewusstseinserweiternden “Aussteigen”. Das Motto war “turn on, tune in, drop out”. Heute dagegen soll die Chemie die Leistung steigern. Der Philosoph Francis Fukuyama warnte 2002 in seinem Buch “Das Ende des Menschen” vor einer Zukunft, in der eine pharma-manipulierte Elite den Rest der Gesellschaft dominieren würde. Er sprach von einer “Chemo-Diktatur”. Von konzentrationsfördernden Mitteln wie Adderall oder Ritalin ist es bis dahin allerdings noch ein weiter Weg. Aber auch gestandene Bio-Ethiker können sich dem diskreten Charme der Chemie nicht ganz entziehen.
“Kein Mittel,
keine
genetische Hilfe
wird alle gleich
machen können.”“Kein Mittel, keine genetische Hilfe wird alle gleich machen können.”
Mit Doping keine Fairness
Das Aneignen von Wissen fällt manchen schwerer als anderen - oft dank des Erbguts, das wie beim Sport für ungleiche Startchancen sorgt. Doch das Argument, Doping sorge sogar für einen gerechten Ausgleich, ist nicht logisch.
Der Philosoph Michael Sandel von der Harvard University meint: “Kein Mittel, keine genetische Hilfe wird alle gleich machen können. Die genetischen Vorteile bleiben, egal ob beim Sportler oder beim Forscher. Mit Doping wird man also keine vergleichbaren Wettbewerbschancen oder Fairness erreichen. Stattdessen wird es eine sich steigernde Aufrüstungs-Spirale geben.” Das ethische Problem der biochemischen Aufrüstung in der Wissenschaft ist also ähnlich wie beim Sport. Dass das ein moralisches Problem sein könnte, akzeptieren die Befürworter aber nur im harten Wettbewerb. Die neue Devise “länger, schneller - und dann der Nobelpreis” könnte ihrer Meinung nach sogar ein Segen sein:
“Es kann ja sein, dass man keine intellektuellen Hilfsmittel in Prüfungen oder Tests möchte”, sagt Arthur Caplan vom “Center for Bio-Ethics”. “Das verstehe ich, das ist dann kein fairer Wettbewerb mehr, so wie Doping im Sport auch kein fairer Wettbewerb ist. Aber wenn ich mit ein bisschen Hilfe doppelt so lange und konzentrierter arbeiten kann und damit vielleicht sogar ein Mittel gegen Aids finden könnte, dann würde ich keinen Wettbewerb gewinnen, sondern ein Problem für die Menschheit lösen.” Doping für die grauen Zellen, das mittelmäßige Forscher zu kleinen Einsteins mutieren lässt, ist Science Fiction. Doch die “smarte Pillen” zur Leistungssteigerung sollen in Zukunft optimieren helfen.
“…das ist dann kein fairer Wettbewerb mehr”“…das ist dann kein fairer Wettbewerb mehr”
Volle Leistung nur gedopt?
In einer vielzitierten Studie verkündete der Neurologe Anjan Chatterjee das Zeitalter der “kosmetischen Neurologie”. Da sieht er das größte Problem bei künftigen Bewerbungsgesprächen: “Die sagen dir dann: ‘Wir erwarten von unseren Angestellten vollen Einsatz’, der liegt heute oft bei 60 bis 70 Wochenstunden. Und man kann sich vorstellen, dass es in Zukunft heißt: ‘Aber wir erwarten auch, dass Sie bereit sind, Mittel zu schlucken, die Ihre Produktivität erhöhen. Wir wollen Sie nicht dazu zwingen, aber es würde vielleicht Ihre Chancen steigern, angestellt zu werden, wenn Sie dazu bereit sind.’”
Diese Ära der “kosmetischen Neurologie” verändert aber wohl mehr als nur peinliche Job-Gespräche, meint Michael Sandel: “Für das akademische, das intellektuelle Leben wie auch im Sport gilt: Ein wichtiger Teil, der diese Tätigkeiten menschlich macht, ist, dass sie einen Kampf beinhalten. Eine Verhandlung zwischen einem Menschen, was auch immer dessen Talente und Fähigkeiten sein mögen, zwischen diesem Menschen und seinem Projekt, seiner Herausforderung.” Sich zu dopen oder sogar genetische Änderungen vorzunehmen, um seine Ziele zu erreichen, egal, ob auf sportlichem oder akademischem Gebiet, würde diese Tätigkeiten ihrer Menschlichkeit berauben. Aber ist es nicht nur allzu menschlich, den einfachsten Weg zu wählen? Auch wenn Kritiker eine Veränderung unseres Denkprozesses befürchten - vieles spricht dafür, dass bald die Nächte eines Mittelchens gezählt sind, das seit Menschengedenken zur Grundausrüstung des Muntermachens gehört.
Sobald der Podcast zur Sendung verfügbar ist, werde ich diesen in Absprache mit 3Sat hier hochladen.
Quelle: www.3sat.de
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